2026 feiern wir den 150. Geburtstag von Ita Wegman (* 22. Februar 1876), der Gründerin der Klinik Arlesheim. Ihr Leitsatz «Ich bin für Fortschreiten» steht sinnbildlich für ihren Wunsch nach echter Entwicklung – als Mensch ebenso wie in der Anthroposophischen Medizin. Im Jubiläumsjahr erwarten Sie vielfältige Veranstaltungen – weitere folgen.
«Ich bin für Fortschreiten.»
Ita Wegman
Ita Wegman – die Visionärin und Mensch der Tat
«Ich bin für Fortschreiten» steht sinnbildlich für Ita Wegmans Wunsch nach echter Entwicklung – persönlich, sozial und medizinisch. Er beschreibt eine Haltung, welche ihr Wirken zeitlebens prägte, eine Haltung die nicht am Bestehenden festhält, sondern mutig und aus eigener Initiative den nächsten Schritt geht.
Inmitten der politisch angespannten Zeit zwischen den Weltkriegen begründete sie zusammen mit Rudolf Steiner die Anthroposophische Medizin, setzte unbeirrt neue Impulse, initiierte und förderte eine Vielzahl bis heute nachwirkenden Projekten und Einrichtungen und unterstützte unzählige kranke und notleidende Menschen ganz individuell.
Entschlossen und mutig nahm sie das Notwendige in Angriff – getragen vom sozialen Gedanken der Salutogenese, der ihre Tatkraft mit einem inneren, heilenden Impuls verband.
Dieses Ausgerichtet sein auf die Zukunft sowie der Gedanke der stetigen Entwicklung zum Wohl der Patientinnen und Patienten sind in die DNA der Klinik eingegangen und prägen sie bis heute.
«Dr. Wegman vertraute darauf, dass uns geholfen wird, wenn wir erst einmal beginnen, etwas zu tun; sie sagte immer: Im Tun neigen sich die Götter. Wenn wir die Dinge tun, werden uns die Engel korrigieren. Wenn wir nichts tun, haben auch die Engel nichts zu tun.»
Liane Collot d’Herbois, Malerin
«Vorwärtskommen ist nicht, den Schwierigkeiten aus dem Wege gehen, sondern die Schwierigkeiten überwinden, weil wir damit weiterkommen.»
Ita Wegman im Brief an Werner Pache, 20.8.1942
Literatur:
J. E. Zeylmans van Emmichoven: Wer war Ita Wegman, Band 1, Dornach 2022.
J. E. Zeylmans van Emmichoven: Wer war Ita Wegman, Band 2, Dornach 2015.
Quinte Ausgabe Nr. 29 (2011).
Foto: Wegman am Haupteingang des Holzhauses, 29. September 1926. Ita Wegman-Archiv
«Und ich gestaltete es aus eigener Initiative, aus eigener Kraft ...»
Ita Wegman
Ita Wegman – Gründerin der Arlesheimer Klinik und Förderin einer Vielzahl bis heute nachwirkender Projekte und Einrichtungen
Bereits dreissigjährig holte Ita Wegman die Matura in der Schweiz nach, absolvierte in Zürich das Medizinstudium und liess sich zur Frauenärztin ausbilden. Getragen von dem Wunsch, das Wissen aus dem akademischen Medizinstudium mit der anthroposophischen Menschenkunde Rudolf Steiners zu verbinden, suchte sie nach einer Möglichkeit in der Nähe von Dornach eine Klinik zu gründen.
Am Pfeffingerweg 1 in Arlesheim war Ita Wegman 1920 das «kleine Häuschen in einem schönen Garten» mit einem grossen Apfelbaum aufgefallen, erwarb es mit dem väterlichen Erbe und liess es innert weniger Monate umbauen. Am 8. Juni 1921 eröffnete das Klinisch-Therapeutische Institut. J. Emanuel Zeylmans van Emmichoven schreibt «…und so begann die Klinik ihr Leben ganz in Übereinstimmung mit Ita Wegmans Wesen: willensfreudig, international ausgerichtet, ganz aus eigener Kraft und mit einem gehörigen Mass an Kraft und Überzeugung und Mut des Heilens.».
Weitere Einrichtungen wie der Sonnenhof in Arlesheim, das Kurhaus Casa Andrea Cristoforo in Ascona, La Motta in Brissago und andere entstanden durch die unermüdliche Initiative und Förderung von Ita Wegman.
Ita Wegman wurde zeitlebens von zahlreichen Helferinnen und Mitstreiterinnen begleitet, überwiegend Frauen, aber auch von vielen männlichen Kollegen.
Zur fachlichen Begleitung und Unterstützung entsandte sie ihre Mitarbeitenden in therapeutische Zentren und Dependancen im In- und Ausland. Sie kümmerte sich um sie mit mütterlicher Fürsorge und zugleich mit klar führender Autorität. In schwierigen Momenten fand sie für jede und jeden die richtigen Worte. Sie arbeitete geistig mit ihnen, pflegte sie bei Krankheit und lachte mit ihnen auf eine vertraute, geschwisterliche Weise.
So entstand eine grosse Gemeinschaft loyaler, engagierter Persönlichkeiten, die die medizinische, therapeutische und heilpädagogische Arbeit voranbrachten und mit Leben erfüllten. Unter ihnen waren drei Ärztinnen, zu denen sie ein besonders enges Verhältnis pflegte: Hilma Walter, Margarete Bockholt und Madeleine van Deventer.
«Unvergesslich wird für mich der Moment bleiben, als Rudolf Steiner zum ersten Mal das Klinisch-Therapeutische Institut in Arlesheim besuchte. Es war noch ein kleiner Anfang; ein Landhaus, das in einem schönen Garten stand, wurde von mir angekauft, umgebaut und zur Klinik eingerichtet mit Platz für 12–15 Patienten. «Versuchen Sie alles aus eigener Kraft zu gestalten», sagte er einmal zu mir, als die Rede war, dass das Klinisch-Therapeutische Institut entstehen sollte. Und ich gestaltete es auch aus eigener Initiative, aus eigener Kraft, wie mir angeraten wurde.»
Auszug aus Ita Wegmans Aufsatz «Rudolf Steiners Wirken für die Erweiterung der Heilkunst»
Ita Wegman stand im absoluten Zentrum dieses pionierhaften Unternehmens [der Klinik]. Mit grosser geistiger Sicherheit und einem ebenso beherzten wie therapeutisch bedachten Auftreten gestaltete sie die Gemeinschaftsatmosphäre des Hauses – in innerer Verbundenheit mit den Krankenschwestern und allen Mitstreitern – mit vorbildgebendem Einsatz am Krankenbett […] Die direkte Zusammenarbeit mit ihr war anspruchsvoll und forderte alle Kräfte – Ita Wegman erwartete höchste Einsatzbereitschaft und selbstlose Präsenz für das Gelingen der gemeinsamen Aufgabe […] («Wachsen Sie an Ihren Aufgaben!»). Ihre Begeisterung und ihr liebevoller Enthusiasmus aber durchwehten die Klinik und setzten Kräfte frei – ebenso ihr Ernst und die Formkraft ihrer geistigen Arbeit. Sie schufen eine therapeutische Kultur in konzentriertester Form, die bald in die Welt hinausziehen sollte.
Peter Selg
Literatur:
J. E. Zeylmans van Emmichoven: Wer war Ita Wegman, Band 1, Dornach 2022.
J. E. Zeylmans van Emmichoven: Wer war Ita Wegman, Band 2, Dornach 2015.
Quinte Ausgabe Nr. 29 (2011).
Foto: Ita Wegman mit Kollegen (Dymont, Eschler, Victor Müller) im Garten der Universitätsfrauenklinik Zürich, ohne Datum (1915/1916). Ita Wegman-Archiv.
«Sie hatte nämlich Mut.»
Norbert Glas
Ita Wegmans Mut des Heilens
Der «Mut des Heilens» von Ita Wegman, ein von Rudolf Steiner geprägter Begriff, wurde von Zeitgenossen und Patienten als eine Eigenschaft erlebt, die über die blosse medizinische Praxis hinausging. Er bedeutet über die Grenzen konventioneller Medizin hinauszugehen, alle Skepsis abzulegen und mit tiefem geistigem Vertrauen und Entschlossenheit zu wirken, inspiriert von der Anthroposophie, um den Menschen ganzheitlich – seelisch, geistig und körperlich – zu erfassen und zu heilen, auch in schwierigsten Zeiten. Resignation oder Hoffnungslosigkeit waren ihr fremd.
«Traf man Dr. Wegman im Garten, dann fiel der bestimmte und doch elastische Schritt auf, mit dem sie einem entgegenkam. Ihr Blick aus hell strahlenden Augen grüsste aufmerksam den Menschen, der sie zu sprechen wünschte. Und wieviele suchten ihren Rat! In der ärztlichen Sprechstunde ging sie stets teilnahmsvoll auf die Klagen ihrer Patienten ein, und für diese war es so beglückend, dass der Arzt etwas in ihren Seelen meist lösen konnte: die Angst, die fast alle Kranken belastet. Ihre einfache Gegenwart hob die Leidenden aus der irdischen Schwere, die sie bedrückte. Ita Wegman erreichte dies durch ihre eigene innere Furchtlosigkeit mit einer Selbstverständlichkeit, die wie ein Wunder wirkte. Sie hatte nämlich Mut. […]»
Norbert Glas, Arzt
« […] Ihre Nähe bannte Todesangst und Unruhe und gab das Gefühl, im tiefsten Wesen verstanden zu sein. Es gab keine noch so schwere Krankheits-Situation, wo sie nicht mit aller Kraft den Kampf aufnahm. Drei Tage und Nächte verbrachte sie einst am Bett eines todkranken Menschen zusammen mit zwei Ärzten und zwei Schwestern. Ununterbrochen lenke sie die Therapie, griff oft eigenhändig in die Pflege ein und führte den Patienten durch die schwere Krisis zu Genesung. Ihr «Mut des Heilens» riss alle mit und brachte diese «Wunder» zustande. […]»
Madeleine P. van Deventer, Ärztin
« […] sie sprach mit allen in der gleichen Weise: wie eine Schwester zu ihrem Bruder. […] Sie konnte jedem zuhören, der zu ihr sprach. Wenn sie zuhörte, stellte sie alles beiseite, was sie vorher oder nachher beschäftigte; sie war ganz für diesen einen Menschen da. […] Dieser Geist der Brüderlichkeit, den sie auf alle Menschen ausdehnte, floss auch in ihre therapeutische Arbeit ein. Diese war hervorragend, denn sie war zweifellos der beste Arzt, dem ich je begegnet bin. Denken Sie nicht sie war klug, sie war weise. Auf die eine oder andere Weise verwendete sie alles zur Heilung: ein Medikament, eine Massage, ein starkes Wort, einen liebenden Blick, ein Musikstück, ein Gemälde, einen Spaziergang durch die Landschaft; was immer ihr zur Verfügung stand, gebrauchte sie. […]»
Karl König, heilpädogogischer Arzt
Literatur:
J. E. Zeylmans van Emmichoven: Wer war Ita Wegman, Band 1, Dornach 2022.
Quinte Ausgabe Nr. 29 (2011)
Peter Selg: Ich bin für Fortschreiten. Ita Wegman und die Medizinische Sektion. Dornach 2002.
Foto: Ita Wegman am Rhonegletscher, 29. August 1934. Ita Wegman-Archiv.
«Sie wollte stets mit eigenen Augen sehen.»
Liane Collot d’Herbois
Ita Wegmans tiefer Blick für Menschen
Als kleines Mädchen hatte Ita Wegman eine befremdliche Angewohnheit, wenn sie fremden Menschen gegenübertrat, zum Beispiel Gästen ihrer Eltern: Sie blieb eine Weile ruhig stehen und schaute sich das Gegenüber schweigend von oben bis unten an, ehe sie sich zur Begrüssung anschickte. Sie wollte sich ein eigenes Bild machen. Die früh entwickelte Fähigkeit zur Kontemplation zeigte sie zeitlebens auch als Ärztin.
Erinnerungen der Schwester Ita Wegmans an die gemeinsame Kindheit
Die Ärztin Margarete Bockholt umschreibt Ita Wegmans tiefer Blick für Menschen: « […] Sie war damals schon ein reifer Mensch; sie hatte sich in ihrem bisherigen Wirken ein aussergewöhnliches Einfühlungsvermögen in die menschliche Wesenheit und das individuelle Krankheitsbild sowie eine grosse ärztliche Erfahrung erworben. Ihre seelische Hingabe an jeden Einzelfall liessen sie das richtige Medikament finden durch eine – wie Rudolf Steiner es nannte – medizinische Inspirations- und Intuitionskraft. […] Aus tiefer und schicksalsmässiger Verbundenheit mit Rudolf Steiner stand Ita Wegman an diesem Platz, berufen dazu, mit Rudolf Steiner zusammen einen neuen Quellort der Heilung zu begründen.»
Margarete Kirchner-Bockholt, Ärztin
Liane Collot d’Herbois schreibt: «Wenn sie einen Patienten aufsuchte, traf sie nie mit vorgefassten Vorstellungen ein. Vielmehr machte sie sich innerlich ganz leer. Man mag ihr vielleicht erklärt haben, woran der Betreffende kranke, doch machte ihr dies keinen besonderen Eindruck: sie wollte stets mit eigenen Augen sehen. […]»
Liane Collot d’Herbois, Malerin
Literatur:
E. Zeylmans van Emmichoven: Wer war Ita Wegman, Band 1, Dornach 2022.
Peter Selg: Ich bin für Fortschreiten. Ita Wegman und die Medizinische Sektion. Dornach 2002.
Foto: Ita Wegman, Klinisch-Therapeutisches Institut, 1935. Ita Wegman-Archiv
«Studieren und das Leben kennenlernen.»
Ita Wegman
Ita Wegman – mit offenem Blick dem Menschen und der Welt zugewandt
«Studieren und das Leben kennenlernen» war Ita Wegmans Antwort auf Rudolf Steiners Frage bei ihrer ersten Begegnung 1902, was sie in Berlin tue. Sie verband ihre beruflichen Studien mit einem wachen Erleben der Welt, suchte kulturelle Impulse und menschliche Begegnungen und wollte das Leben in seiner Vielfalt kennenlernen. Was sie mit einem offenen Blick zeitlebens auf Reisen erlebte und im Weltgeschehen aufmerksam verfolgte, verwandelte sie in eine heilende Wirksamkeit im unmittelbaren Umfeld.
[…] bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs unternahm sie alljährlich ausgedehnte Reisen und fuhr noch im Sommer 1939 bis zum Schwarzen Meer, den ganzen Balkan entlang. Ita Wegman nahm die Länder und Landschaften, die Mythologien und Kulturen tief in sich auf, beschäftigte sich intensiv mit ihnen und kam mit neuen Zukunftsideen nach Arlesheim zurück, gekräftigt, strahlend und erfrischt.
Peter Selg
Auch in Ascona [1941] nahm Ita Wegman mit wacher und kritischer Aufmerksamkeit an den dramatischen politisch-militärischen Entwicklungen teil, die den europäischen Kontinent und viele weitere Regionen der Erde erschütterten; vor Ort heilend, aufbauend und vorbereitend im Kleinen wirksam und sich dafür bedingungslos einsetzend, blieb Wegman doch in steter Verbindung mit den grossen, umwälzenden Weltprozessen.
Peter Selg
Literatur:
E. Zeylmans van Emmichoven: Wer war Ita Wegman, Band 1, Dornach 2022.
Quinte Ausgabe Nr. 29 (2011).
Peter Selg. Die letzten drei Jahre. Ita Wegman in Ascona 1940–1943, Arlesheim 2023.
Foto: Ita Wegman, Berlin, ohne Datum (1902–1905). Ita Wegman-Archiv.